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Fachartikel · 11. August 2026

In den meisten Unternehmen wurde nie besprochen, wie erreichbar Mitarbeitende außerhalb der Arbeitszeit sein sollen. Es hat sich einfach eingeschlichen. Eine Nachricht am Sonntagabend, eine schnelle Antwort im Urlaub, eine offene Chat-App auf dem Handy. Irgendwann wird daraus eine stille Erwartung, die niemand ausgesprochen hat und die trotzdem für alle gilt. Genau das ist der erste und größte Fehler: Erreichbarkeit wird zur Kultur, ohne dass jemand sie gestaltet hat. Wenn Erschöpfung, Schlafprobleme oder das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, zunehmen, lohnt sich der Blick nicht nur auf einzelne Personen, sondern auf die ungeschriebenen Regeln im Team.
Der zweite Fehler folgt fast automatisch aus dem ersten. Wenn eine Führungskraft um 22 Uhr eine Mail schreibt, ist die Absicht oft harmlos: einfach loswerden, bevor man es vergisst. Bei den Empfängern kommt aber etwas anderes an. Wer eine Mail um diese Uhrzeit bekommt, fragt sich unbewusst, ob eine sofortige Antwort erwartet wird. Selbst wenn im Text steht, dass es keine Eile hat, wirkt der Zeitpunkt lauter als die Worte. Mit der Zeit passt sich das Team an das Verhalten der Führung an, nicht an das, was offiziell gesagt wird. Wer spät schreibt, ohne es zu erklären, baut Druck auf, auch ohne es zu wollen.
Ein einfacher Ausweg sind zeitversetzte Sendefunktionen, die es in fast jedem E-Mail-Programm gibt. Der Gedanke kann sofort raus, die Nachricht kommt trotzdem erst am nächsten Morgen an. Das kostet eine Minute Umstellung und verändert spürbar, wie ein Team Erreichbarkeit wahrnimmt.
Der dritte Fehler liegt in der Technik selbst. Viele Firmen richten dienstliche Konten so ein, dass Nachrichten sofort und rund um die Uhr auf dem privaten Handy aufploppen. Das war nie eine bewusste Entscheidung, sondern die Standardeinstellung bei der Einrichtung, und niemand hat sie später hinterfragt. Das Ergebnis: Das Diensthandy liegt abends auf dem Nachttisch, jede Nachricht erzeugt ein kurzes Aufflackern von Anspannung, egal ob sie wichtig ist oder nicht.
Hier hilft es, die Grundeinstellungen einmal grundsätzlich durchzugehen. Muss jede Chat-Nachricht sofort als Push-Benachrichtigung erscheinen, auch nachts und am Wochenende? Braucht es eine automatische Synchronisation des Kalenders mit Erinnerungen außerhalb der Arbeitszeit? Diese Fragen wirken klein, aber die Antworten bestimmen, wie oft am Tag das Gehirn unterbrochen wird, auch wenn objektiv nichts passiert.
Ein Fehler, der besonders schwer zu erkennen ist, weil er sich gut anfühlt: Wer schnell antwortet, gilt als engagiert. Wer nach Feierabend nicht reagiert, wirkt schnell wie jemand, der weniger gibt. Diese stille Bewertung passiert oft, ohne dass sie ausgesprochen wird, aber sie prägt, wie Menschen ihr Verhalten anpassen. Mitarbeitende beginnen, ständig erreichbar zu sein, nicht weil es die Aufgabe erfordert, sondern weil sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird oder ihnen sogar nützt.
Das Problem dabei: Schnelle Antworten außerhalb der Arbeitszeit sagen nichts über die Qualität der Arbeit aus. Sie sagen nur, dass jemand ständig erreichbar ist. Wenn Führungskräfte diese Verwechslung nicht aktiv korrigieren, zum Beispiel indem sie in Feedbackgesprächen explizit sagen, dass Erreichbarkeit am Abend keine Rolle spielt, bleibt der stille Druck bestehen, auch wenn offiziell niemand ihn fordert.
Fast jedes Team kennt Situationen, in denen jemand tatsächlich außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sein muss, ein technischer Ausfall, eine kurzfristige Absage, ein wichtiger Kunde mit einem echten Problem. Das ist verständlich und in vielen Branchen auch notwendig. Der Fehler liegt darin, dass selten definiert wird, was überhaupt als Notfall zählt und was nicht. Ohne diese Klarheit landet fast alles in derselben Dringlichkeitsstufe, die kaputte Kaffeemaschine genauso wie der Serverausfall.
Ein kurzer, klar formulierter Rahmen hilft mehr, als es zunächst scheint. Zum Beispiel: Anrufe außerhalb der Arbeitszeit sind nur für Situation A, B und C vorgesehen, alles andere wartet bis zum nächsten Arbeitstag. Diese Liste muss nicht lang sein, aber sie muss existieren und bekannt sein. Ohne sie entscheidet jede Person für sich, was dringend genug ist, und im Zweifel wird lieber einmal zu oft gestört als zu wenig.
Die meisten dieser Fehler sind keine böse Absicht, sondern gewachsene Gewohnheit. Genau deshalb lassen sie sich auch ändern, ohne große Programme oder aufwendige Prozesse. Es reicht, ehrlich hinzuschauen: Wann werden in diesem Team eigentlich Nachrichten verschickt? Was passiert, wenn jemand abends nicht antwortet? Welche Standardeinstellungen laufen einfach mit, ohne dass sie jemand bewusst gewählt hat?
Wichtig ist dabei auch, wie unterschiedlich Arbeitszeit- und Ruhezeitregeln in Deutschland und Österreich im Detail ausgestaltet sein können. Ob und wie weit Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit rechtlich eingeschränkt ist, hängt vom jeweiligen Land, der Branche und dem einzelnen Arbeitsvertrag ab. Wer hier Klarheit braucht, sollte das im Einzelfall prüfen lassen, statt sich auf allgemeine Aussagen zu verlassen.
Was aber überall gilt: Ein Team, das offen bespricht, wann Erreichbarkeit wirklich nötig ist und wann nicht, schützt nicht nur die Gesundheit einzelner Menschen, sondern auch die Qualität der Arbeit selbst. Erschöpfte Mitarbeitende treffen schlechtere Entscheidungen, auch wenn sie ständig online sind. Der erste Schritt ist selten eine neue Regel von oben, sondern das ehrliche Gespräch darüber, was im Alltag tatsächlich passiert und was davon eigentlich niemand so gewollt hat.

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