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Aus der Praxis · 23. August 2026

Schau dir die Weiterbildungsliste des letzten Jahres an. Wer war dabei. Wahrscheinlich die neuen Leute, die ins Team eingearbeitet werden mussten. Die Nachwuchskräfte, die für mehr Verantwortung vorbereitet werden. Vielleicht noch jemand, der ein Zertifikat für ein neues Tool brauchte.
Und wer fehlt fast immer. Die Kollegin, die seit zwölf Jahren zuverlässig ihren Bereich führt. Der Kollege Mitte fünfzig, der die Prozesse besser kennt als jedes Handbuch. Niemand hat entschieden, sie auszuschließen. Es kam einfach nie zur Sprache. Genau das ist das Problem: Weiterbildung bei älteren Mitarbeitenden passiert nicht aus Ablehnung, sondern aus Vergessen.
Der Grund ist selten böser Wille, meistens ein stiller Denkfehler. Führungskräfte gehen oft unbewusst davon aus, dass erfahrene Mitarbeitende schon alles können, was sie brauchen. Oder dass sich eine Investition in ihre Entwicklung nicht mehr lohnt, weil ja "sowieso nicht mehr so viele Jahre übrig sind". Beides ist eine Annahme, keine Tatsache, und beide werden mit den Menschen, die sie betreffen, so gut wie nie besprochen.
Dazu kommt ein ganz praktischer Effekt: Wer neu ist, bekommt automatisch ein Onboarding und einen Weiterbildungsplan, weil die Rolle das verlangt. Wer schon lange da ist, bekommt gar keinen Plan, weil niemand ihn neu aufsetzt. Fehlende Aufmerksamkeit ist hier keine Entscheidung gegen jemanden, sondern das Fehlen einer Entscheidung überhaupt.
Für ein Unternehmen mit zehn, dreißig oder fünfzig Mitarbeitenden ist das kein abstraktes Thema. Es ist oft ein Fünftel bis ein Drittel der Belegschaft, die so nebenbei aus der Entwicklung herausfällt. Und genau diese Gruppe trägt in kleinen Betrieben häufig das meiste Wissen über Kunden, Abläufe und Ausnahmefälle, die nirgendwo dokumentiert sind.
Wenn diese Mitarbeitenden nie an neue Werkzeuge, Systeme oder Arbeitsweisen herangeführt werden, entsteht eine stille Lücke: Sie werden mit der Zeit fachlich abgehängt, ohne dass es jemand gemerkt hat, bis ein Wechsel im Team oder eine neue Software den Unterschied plötzlich sichtbar macht. Das kostet dann in der Krise, was man vorher mit wenig Aufwand hätte vermeiden können.
Es gibt noch einen zweiten Effekt, der leicht übersehen wird: Wer merkt, dass er bei Entwicklung übergangen wird, verliert Motivation, lange bevor er das offen sagt. Und in kleinen Teams ist die Wirkung von einer einzigen unmotivierten, erfahrenen Person auf die Stimmung oft grösser als in einem grossen Konzern.
Der erste Schritt braucht kein Budget, sondern eine ehrliche Liste. Wer in den letzten zwölf Monaten an keiner Weiterbildung, Schulung oder auch nur an einem strukturierten Entwicklungsgespräch teilgenommen hat, kommt auf diese Liste. Danach schaust du dir das Alter dieser Personen an, nicht um jemanden zu beschuldigen, sondern um ein Muster zu erkennen, das sonst unsichtbar bleibt.
Der zweite Schritt ist ein einfaches Gespräch, kein Beurteilungsgespräch, sondern eine echte Frage: Was würde dir helfen, deine Arbeit in den nächsten zwei Jahren leichter oder besser zu machen. Viele erfahrene Mitarbeitende sagen dabei Dinge, die niemand erwartet hätte, zum Beispiel den Wunsch, endlich sattelfest mit einem digitalen System zu werden, das jüngere Kolleginnen wie selbstverständlich benutzen, sie sich aber nie trauten offen zuzugeben, dass sie es nicht können.
Der dritte Schritt ist, Weiterbildung nicht mehr an Anlässe zu koppeln, sondern an einen festen Rhythmus für alle. Wenn Entwicklungsgespräche nur stattfinden, wenn jemand neu eingestellt wird oder eine Beförderung ansteht, bleiben alle anderen automatisch aussen vor. Ein fester Termin, zum Beispiel einmal im Jahr für jede Person im Team, unabhängig von Alter oder Position, verhindert, dass das Vergessen zur Regel wird.
Kleine Betriebe haben oft keine eigene Personalabteilung, die solche Prozesse von sich aus überwacht. Deshalb hilft eine einfache Regel besser als ein kompliziertes System: Jede Weiterbildungsmassnahme, die einer Person angeboten wird, wird kurz dokumentiert, auch mit Datum und Namen. Nach einem Jahr reicht ein Blick in diese Liste, um zu sehen, ob sich ein Muster wiederholt.
Wichtig ist auch, wie Weiterbildung angeboten wird. Ein Angebot, das nur online, in schnellem Tempo oder in jungem Tonfall kommuniziert wird, wirkt auf manche ältere Mitarbeitende unbewusst wie "das ist nicht für dich gemeint", selbst wenn das nie gemeint war. Es lohnt sich, Angebote so zu formulieren, dass sie sich an alle richten, und aktiv nachzufragen, statt nur eine E-Mail an die ganze Belegschaft zu schicken und zu hoffen, dass sich jeder angesprochen fühlt.
Und schliesslich: Wer eine Weiterbildung ablehnt, sollte das auch offen können, ohne dass daraus automatisch "der will eh nicht mehr" wird. Manche erfahrene Mitarbeitende lehnen ein Angebot ab, weil der Zeitpunkt schlecht passt, nicht weil sie kein Interesse haben. Das einmal nachzufragen, kostet wenig und verhindert viele falsche Schlüsse.
Wie genau Diskriminierung aufgrund des Alters rechtlich zu bewerten ist und welche Pflichten daraus im Einzelfall entstehen, ist eine Frage für eine arbeitsrechtliche Beratung, nicht für diesen Text. Auch ob es in Deutschland oder Österreich unterschiedliche Förderprogramme für Weiterbildung älterer Mitarbeitender gibt, die sich ein kleiner Betrieb zunutze machen könnte, lohnt eine gezielte Prüfung im eigenen Bundesland oder Bundesgebiet, weil sich solche Programme oft ändern und regional unterschiedlich ausgestaltet sind.
Was sich aber unabhängig davon sofort ändern lässt, ist die Gewohnheit im eigenen Betrieb: hinschauen, wer auf der Liste fehlt, und daraus eine Frage machen, keine Entscheidung, die für jemanden getroffen wird, ohne mit ihm zu sprechen.

Über zehn Jahre Personalarbeit in Betrieben zwischen 40 und 300 Mitarbeitern. Schreibt hier über das, was in der Praxis wirklich passiert.
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